Vor einer Woche haben wir bereits über das anstehende Smartphone-Verbot und die Einführung der Handypausen an unserer Schule berichtet. Dazu nun einige Gedanken.
„Auf dem Schulgelände ist der Gebrauch von elektronischen Kommunikationsmitteln und Medienwiedergabegeräten grundsätzlich untersagt.“ heißt es in der Hausordnung unter Punkt 16. Das ist ein alter Hut. Neu ist folgendes: „Die Geräte müssen in ausgeschaltetem Zustand in verschlossenen Handytaschen mitgeführt werden.“
Handytaschen. Die sollen den Schulalltag demnächst maßgeblich verbessern. Morgens sollen alle Schülerinnen und Schüler ihre Handys in ihren Handytaschen magnetisch versiegeln. Nach dem Unterricht werden die Taschen dann wieder geöffnet. Alle Entscheidungen sind bereits getroffen. Die Schulkonferenz (Lehrerschaft, Elternvertreter, Schülervertreter) hat dieser Maßnahme einstimmig zugestimmt. Die Handytaschen kommen unter allen Umständen! Aber ist das gut?
Zunächst einmal ein klares: JA! Die Einführung der Handytaschen sorgt definitiv für eine bessere Arbeitsatmosphäre im Unterricht und weniger Nachrichtendruck. Unterricht kann nicht mehr mitgefilmt werden und Schülerinnen und Schüler werden sich besser konzentrieren können.
ABER einige Dinge gehen mir doch durch den Kopf:
Am 2. September fand um 19:30 der Informationsabend „Smartphone-Auszeit“ in der Aula statt. Die Aula war bis zum Rand gefüllt mit Eltern und Erziehungsberechtigten. Es waren auch rund zwei Dutzend Schüler anwesend. Das Silverne Blatt saß ebenfalls im Publikum. Auf der Veranstaltung sprachen u.a. Jenz Wenzel, Leiter des Projekts Smartphonepause am Gymnasium Köln-Deutz und Markus Surrey, Leiter des Schulpsychologischem Dienst der Stadt Solingen.
Zunächst wurden die obengenannten Vorteile einer Handypause aufgezählt. Dann aber wurden die Themen Cybermobbing bzw. Selbstverletzung angesprochen. Dass solche Themen besprochen werden, ist gut. Das hat nur rein nichts mit dem Thema zu tun. Die große Gefahr von Cybermobbing ist, dass Betroffene rund um die Uhr schikaniert werden und keinen Safe-Space mehr haben. Da hilft eine Handypause vormittags auch nicht. Zumal die Mobber oft sowieso aus dem schulischen Umfeld der Betroffenen stammen.
Der gesamte Abend wirkte stark emotionalisierend auf die Eltern. Erst recht als ihnen von den traumatischen Erfahrungen eines Mädchens berichtet wurde, dem Cybergrooming und eine Vergewaltigung widerfahren waren. Anschließend beschrieb Jenz Wenzel den fortschreitenden Verlust von Kindheit durch die digitale Welt. Ein „Betroffener“ war über Video zugeschaltet. Er war vor Jahren computerspielsüchtig gewesen und wirkte deshalb (bei einer Handytaschendiskussion) deplatziert.
Wir hätten uns eine sachlichere und themennähere Argumentation gewünscht. Denn Handytaschen verhindern keine Vergewaltigungen. Sie schützen nicht die Schülerinnen und Schüler vor der digitalen Welt, sondern den Unterricht vor Störungen. Das, finden wir, muss gesagt werden.- und nur das.
Außerdem kam für uns ein Punkt zu kurz: Die Handytaschen werden nicht für die Oberstufe eingeführt. Schüler der Q1 und Q2 werden ihr Smartphone in den Pausen weiter nutzen dürfen. Warum? Sie seien schon alt genug! Studien zeigen: nein! Die Studie: How Deep Work Drives Student Engagement Amid Smartphone Distraction and Attention Control (2023) kommt zu dem Schluss, dass Smartphonesauch bis zum Hochschulalter die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler stark beeinflussen. Diese und weitere Studien dazu sind unten verlinkt.
Warum also keine Taschen für Q1 und Q2? Weil in unserer Schülervertretung kaum junge Schülerinnen und Schüler sind. Beispielsweise sind fünf der sechs Schülerinnen und Schüler in der Schulkonferenz Jahrgangsstufe EF oder höher. Und die haben die Entscheidung mitgetragen und sich selbst scheinbar ausgeklammert. Deshalb an dieser Stelle der Aufruf: Beteiligt euch an demokratischen Prozessen in der Schule und entscheidet mit, auch wenn ihr jünger seid!
Und nun zum Schluss noch einmal: Wir finden das Konzept Handytaschen an der Schule gut und unterstützen die Maßnahme. Allerdings schützt es nicht vor Mobbing, Diskriminierung, Cybergrooming oder Mediensucht. Das anzunehmen wäre fatal. Dafür braucht es andere Maßnahmen auch von Seiten der Schule. Handytaschen sorgen ausschließlich für einen entspannteren Unterricht für alle. Deshalb dieser Aufruf zur Sachlichkeit in einer viel zu aufgeladenen Debatte.
FvdB
https://dergipark.org.tr/en/download/article-file/2437528
https://link.springer.com/article/10.1007/s10639-024-12947-x#Abs1
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