Wenn wir schon keine Ahnung haben,

können wir wenigstens die richtigen Fragen stellen

Ein Besinnungsaufsatz

Seit einiger Zeit macht sich in unserer Gesellschaft die Tendenz bemerkbar, jede Alltagsfrage in unserem Leben zu politisieren und aus jeder von unserer abweichenden Ansicht eine moralische Verurteilung des Andersdenkenden abzuleiten. Um ein Beispiel zu geben: Ein Schüler hat in der Frage der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit eine deutlich andere, die Arbeitslosen sehr viel stärkerem Druck aussetzende Ansicht als sein Lehrer. Bedeutet das, dass er zwangsläufig kein Demokrat sein kann? Dass er rechtsradikal sein muss, obwohl er selbst das anders sieht? Oder: Ein Arbeitsloser beschwert sich bei einem beamteten Lehrer, dass er auf seine Kosten gesellschaftliche Privilegien genießen darf. Heißt das, dass der Lehrer zwangsläufig als Schmarotzer gesehen werden muss?

Spätestens seitdem wir selber Opfer von Hass- und Bedrohungsmails geworden sind, stellen wir in der Redaktion uns die Frage, was unsere Mitschüler politisch eigentlich bewegt, welche Ansichten sie haben und vor allem, wie sie zu ihren Ansichten gelangen. Um einer Antwort näherzukommen, haben wir zwei unserer Mitarbeiter losgeschickt zu Kurzinterviews, die weniger die politischen Vorlieben selber, als die Gründe für deren Zustandekommen ermitteln sollten. Repräsentativ ist das zwar keines- wegs, aber aufschlussreich schon. „Hören“ wir einmal rein:

„Ich würde die CDU wählen, weil sie die einzige Partei ist, mit der ich mich beschäftigt habe und die

Einzige ist, die ich mitverfolge.“

„Ich wähle Die Linken, weil sie sehr stark auf Gleichberechtigung gehen.“

„Ich wähle die CDU, weil man Vater das wählt.“

„Ich wähle CDU, weil den restlichen Dreck kann man ja nicht mehr wählen!“

„Ich wähle CDU, weil ich die Grenzkontrollen gut finde.“

„Ich wähle Die Linken, weil ich die soziale Gleichheit gut finde und mehr bessere Häuser möchte.“

Nun gut, hier war die Frage „Ich wähle XY“ vorgegeben, was Einfluss auf doch recht unbedarfte Ansichten begründen kann. Aus diesem Grund haben wir die Ausgangsfrage verändert:

Frage: Warum würdest du die CDU wählen?

„Es gibt Parteipunkte, die Sinn ergeben und die ich unterstütze, aber es gibt auch welche, die Ich nicht

unterstütze.“

Frage: Welche?

„Ich finde die Migrationspolitik gut, weil sie nicht wie die AfD alle abschieben, sondern nur die, die es

verdient haben.“

Frage: Warum würdest du Die Linken wählen?

„Ich finde es gut, dass die Reichen etwas mehr Steuern bekommen sollen und dass das Geld sozialer

aufgeteilt wird.“

Frage: Warum würdest du Die Linken wählen?

„Die Linken würde ich wählen, weil sie sich zu einer „richtigen“ sozialdemokratischen Alternative bewegt haben, nachdem die SPD sich in den letzten Jahren eher davon verabschiedet hat. Deswegen finde ich Die Linken den triftigsten Grund gegen die soziale Ungleichheit.“

OK, das klingt ja schon ein ganzes Stück durchdachter. Ich denke, mit diesen Antworten erreichen wir mindestens das Niveau des Durchschnittswählers. Sehr nachdenklich hat mich die folgende Antwort gemacht:

Frage: Warum würdest du die CDU wählen?

„Ich würde die CDU wählen, wenn ich einfache Antworten auf schwierige Fragen suche. Das tue ich

nicht, also wähle ich sie auch nicht.“

Wer so etwas sagt, ist wahl- und politikfähig. Denn er/sie erkennt, dass es so etwas wie „schwierige Fragen“ überhaupt gibt, und kann sich damit in die Lage versetzen zu „einfache Antworten“ zu durchschauen. Das ist die Grundvoraussetzung einer vernunftgesteuerten Wahl.

(Fortsetzung folgt)

Ulrich Arling
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