Gen Z regelt das – Sicher?

Sicher?

Es gibt sie – weltweit. Die Erhebung der Jugend. Sie demonstriert – und die Gründe sind verständlich. Die Welt ist ein sehr unsicherer Ort. Das war sie schon immer. Die Forderung „Macht sie besser“ ist verständlich. Aber ist sie nicht auch ein bisschen banal?

Gehen wir die oben gestellten Missstände einfach einmal durch. Kaputte Schulen: Gibt es, aber nicht überall. Hier wird Geld gefordert, das in Schulen und Bildung fließen soll. Ist das sinnvoll?

„Wenn es gelingt, in den Basiskompetenzen Deutsch und Mathematik die Leistungen in der Breite wie in der Spitze zu steigern, würde das nicht nur größere Chancen für Millionen von Schülerinnen und Schülern eröffnen, sondern über die kommenden 80 Jahre hinweg auch das Bruttoinlandsprodukt deutlich ansteigen lassen. Besonders profitieren würden die Bundesländer, die im Vergleich der Schülerleistungen aktuell schlecht abschneiden. Die Zahlen unterstreichen: Wer heute in Bildung investiert, sichert den Wohlstand von morgen.“

Zu diesem Ergebnis kommt die renovierte Bertelsmann-Stiftung. Das bedeutet: Bildung ist eine Investitionsausgabe, die für die Zukunft – also für Eure Generation Z – höheren Wohlstand sichert. Wer regelt Bildungsstandards und die Ausstattung von Schulen? Der „Staat“. Kann man ihm per Demonstration seine Forderungen stellen? Ja. – Also: Kaputte Schulen – Check.

Wehrpflicht. Eine Forderung des Staates an Euch. Wie ist sie im Einzelnen organisiert? Ich zitiere auszugsweise ChatGPT:

  • Ausgesetzter Grundwehrdienst: Der klassische Grundwehrdienst im Frieden wird weiterhin nicht verpflichtend vollstreckt.
  • Wehrerfassung & Fragebogen: Seit dem 1. Januar 2026 müssen männliche deutsche Staatsbürger (ab dem Geburtsjahrgang 2008) in Friedenszeiten verpflichtend einen Fragebogen zu ihrer Bereitschaft und Eignung ausfüllen; für Frauen ist dies freiwillig.
  • Wiedereinführung der Musterung: Ab dem 1. Juli 2027 wird die Musterung für diesen Personenkreis (Männer ab Jahrgang 2008) wieder verpflichtend eingeführt.
  • Freiwilligkeit im Kern: Der neue Wehrdienst setzt vorerst auf Freiwilligkeit (Dauer meist 6 bis 11 Monate als Freiwilligen Wehrdienstleistender oder ab 12 Monate als Soldat auf Zeit), mit einer Entlohnung von mindestens 2.600 Euro brutto im Monat. Eine verpflichtende Heranziehung (Bedarfswehrpflicht) ist im Gesetz nur unter bestimmten Bedingungen bei Personalmangel oder im Spannungs-/Verteidigungsfall vorgesehen.
  • Spannungs- und Verteidigungsfall: Im Verteidigungs- oder Spannungsfall gilt die Wehrpflicht für Männer bis zum vollendeten 60. Lebensjahr in vollem Umfang.

 

Für mich klingt das recht zumutbar. Auch meine Generation war der Wehrpflicht unterworfen, die Bedingungen waren wesentlich härter als die heutigen. Grundwehrdienst musste geleistet werden, „Freiwilligkeit im Kern“ gab es nicht, und die Entlohnung lag bei circa 700 DM im Monat. Richtig, man muss die Inflation hereinrechnen: Im Groben würde das 1.065 € heutigem Wert entsprechen.

Viel wichtiger ist, warum es Wehrpflicht gab und gibt. Seit 2014, spätestens seit 2022 gibt es in Europa einen Angriffskrieg. Und nicht nur das. Auch unser Staat wird attackiert – mit Angriffen auf Logistik, mit der Anwerbung von „Wegwerfagenten“, und auch mit Morden auf offener Straße. Schaut einmal unter „Tiergartenmord“ nach. Informiert Euch über die Attacke auf den Leipziger Flughafen. Lest von Drohungen, den Schiffsverkehr in der Ostsee zu blockieren. Oder von offenen Drohungen mit Atomkrieg. Und und und.

Ich finde: Wer gegen Wehrpflicht ist, muss zumindest Alternativen aufzeigen. Ansonsten demonstriere er vor der russischen Botschaft.

Preisexplosion: Wer soll denn etwas gegen steigende Ölpreise tun? Der Staat? Denn es sind tatsächlich die steigenden Ölpreise, die bei uns die Inflation antreiben. Also: Auf nach Washington. Die Amerikaner brauchen Eure Demonstrationen sowieso mehr als unser Staat.

Sozialkürzung: Gibt es. Und betrifft natürlich die Bevölkerungsgruppen, die auf soziale Unterstützung des Staates angewiesen sind. Die „Kürzung des Unterhaltsvorschusses“ trifft alleinerziehende Mütter (und Väter), die vom anderen Elternteil nicht oder in zu geringem Umfang unterstützt werden. Also solche Familien, die jetzt schon einem großen Armutsrisiko ausgesetzt sind. „Muss das sein?“, werden sich viele Demonstranten fragen (sofern sie darüber irgendwie informiert sind). Vor allem, wenn man weiß, dass die Erbschaftssteuer, die die Ärmsten der Armen eher nicht betrifft, nach wie vor unangetastet ist und im internationalen Vergleich sehr großzügig den Erben gegenüber ist.

Aber: Sozialausgaben betreffen keineswegs nur Arme. Jede Kürzung der Pflegeleistungen betrifft arme Alte ebenso wie reiche Alte. Denn Pflegeleistungen werden nach dem Gießkannenprinzip ausgeschüttet, weil sie auf einer Versicherung beruhen, die die Gesamtmenge der zu erbringen Leistungen aber nicht deckt.

Und das führt uns zu einem Problem der „Sozialkürzungen“, dem der arme Staat hilflos ausgesetzt ist. Denn jeder Einzelne hat sein eigenes Verständnis von Gerechtigkeit, dessen gemeinsamer Nenner darin besteht, dass Ungerechtigkeit genau da anfängt, wo er selber von Kürzungen betroffen ist. Wie will der arme Staat da Lösungen finden?

Womit wir beim nächsten Missstand wären: Rechtsruck. Es gibt ihn. Jeder weiß das. Es gibt ihn auch, weil das Thema „Sozialkürzungen“ die Unzufriedenheit mit dem bestehenden System anheizt. Und es gibt ihn natürlich auch, weil die Probleme, deren sich unser Staat ausgesetzt sind, von populistischen Parteien sehr gut – und sehr einseitig – ansprechbar sind, ohne dass sie sie je lösen mussten, ja ohne dass sie auch nur plausible Lösungsvorschläge vorzulegen brauchten. Beispiel gefällig? Der rechtspopulistische „rassemblement national“ verspricht die Lösung der französischen Finanzkrise. Diese ist dadurch entstanden, dass der französische Staat viel mehr Geld ausgibt, als er einnimmt. Und da ein Plan, wie man diesem Ausgabenüberschuss begegnen will, fehlt, wollen immer weniger Leute dem französischen Staat Geld leihen, weil sie eben fürchten, dass sie es nicht zurückerhalten werden. Die, die dem Staat ihr Geld noch leihen, verlangen für das erhöhte Risiko, das sie eingehen, wenigstens höhere Zinsen. Das erhöht dann das französische Staatsdefizit noch mehr – ein Teufelskreislauf. Und was sagt nun der „rassemblement national“ dazu? Er sagt“ Wir lösen die Finanzkrise und gleichzeitig senken wir das Renteneintrittsalter“, sorgen also dafür, dass

  1.  dem Staat Lohnsteuereinnahmen fehlen
  2.  der Staat für mehr Rentenzahlungen aufkommen muss und
  3.  oh Wunder: der Staat finanziell saniert wird.

Das ist dasselbe, als wenn eure Eltern, wenn sie einen Hauskredit nicht mehr zurückbezahlen können, zur Bank gehen und vorschlagen, dass ein Elternteil in Zukunft nicht mehr arbeiten soll. Und wenn die Bank das wohl eher nicht akzeptiert, kann man ja immer noch sagen: Die Nachbarn – oder die Migranten –  sind schuld.

Um es ganz kurz und klar zu sagen: Die Bekämpfung des „Rechtsrucks“ fängt im eigenen Hirn an. Wer dagegen demonstriert, fordert die Bekämpfung der Blödheit vieler Wähler. Denn man muss schon ziemlich denkreduziert sein, um auf so etwas hereinzufallen. Womit wir wieder beim Thema 1: „Kaputte Schulen“ wären.

Was also bedeutet das oben plakativ angestrebte „Zeit für Widerstand“? Widerstand wogegen? Wer macht was falsch? – Da fehlen mir die Antworten. Da sehe ich nur eine Auflistung von Problemen. Wer einfach nur hingeht und sagt „Das passt mir nicht“, überlässt das Denken anderen. Die angesprochenen Probleme gibt es. Ihre Lösung ist extrem schwierig. Denn was noch gar nicht angesprochen wurde, ist der Generationenkonflikt. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag von

Eurem Babyboomer

Ulrich Arling

Wie seht ihr das? Habt Ihr eine andere Meinung? Schriebt uns per Mail, auf Social Media oder einen Kommentar direkt hier auf der Website.

Bilderquelle: Demo gegen Rechts in Göttingen, Niedersachsen » GenZ regelt das: Bundesweiter Protest

Ulrich Arling
Letzte Artikel von Ulrich Arling (Alle anzeigen)

Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert